Im Alter von 40 Jahren trägt er sich mit dem Gedanken, eine Autobiographie im Sinne eines „Bekenntnisses“ zu schreiben. Anscheinend war es jedoch nicht nur die Ehrlichkeit zu sich selbst, sondern auch der Wunsch nach Absolution, der ihn zum Beichten trieb…

Hier ist die Rede von Ludwig Wittgenstein, dem großen österreichischen Philosophen (1889 – 1951), und genauer von der Zeit, als Wittgenstein das Bedürfnis hatte, mit seiner Vergangenheit aufzuräumen. Das war am Beginn des vorigen Jahrhunderts. Mehrere Jahre in seinem Leben hatte er als Grundschullehrer gearbeitet.

Damals war die Pädagogik ein bisschen anders als heute.  Und es kam vor, dass der junge Wittgenstein in seiner Unduldsamkeit an Schüler, die den Unterricht störten, Watschen und Kopfnüsse verteilte. 

Einige Jahre später, als er bereits in England lebte, beschäftigte ihn diese Tatsache sehr und ließ ihm keine Ruhe.  So traf er die Entscheidung, sich bei seinem nächsten Besuch in Österreich, der zu Weihnachten stattfinden sollte, bei allen betroffenen Schülern für sein grobes Verhalten zu entschuldigen bzw. alle Menschen, die er früher verletzt hatte, zu treffen und sich bei ihnen zu entschuldigen. Und er tat Folgendes: Er schrieb seine Sünden auf einen Zettel auf, suchte dann nach Menschen, die er in seinem Leben beleidigt bzw. verletzt hatte, lud sie irgendwo zu Tisch ein, setzte sich und sagte: „Bitte lest das“. Die Menschen reagierten unterschiedlich darauf. Die meisten Menschen fühlten sich dabei unwohl und sagten: „Nun, Ludwig, ich muss deine Sünden nicht lesen.“

Aber er hatte ein starkes inneres Bedürfnis zu sagen, was an seinem Leben nicht gut war. Das war kein förmliches Geständnis. Es war ein menschliches Bedürfnis. Und er tat das mit mehreren Menschen, bevor er zu seiner Arbeit nach England zurückkehrte, wo er weiter Philosophie unterrichtete. In seinem Tagebuch waren dazu folgende Zeilen zu lesen: „Bevor ich meine Sünden bekannte, konnte ich nicht richtig denken, mein Verstand war verwirrt. Erst als ich meine Sünden bekannte, wurde mir klar, dass ich in klaren Gewässern segelte. Ich bemerkte, dass meine Logik, meine Gedanken ab nun ganz anders funktionierten.“

Wittgensteins Bericht ist insofern wichtig, weil er ohne Prätention über die Beichte, das Sakrament der Versöhnung, spricht, also darüber, was in der menschlichen Seele geschieht, wenn sie Fehler, die sie begangen hat, bekennt.

Die eigene Schuld zu bekennen, fällt uns Menschen oft schwer. Aber dann entdecken wir, dass es in unserem Leben privilegierte Momente gibt, in denen wir ein Verlangen danach haben. Beispielsweise der heilige Augustinus: Nachdem er seine Bekehrung erlebt hatte, verspürte er das Bedürfnis, alle seine Bekenntnisse in einem Buch aufzuschreiben, ein neues Genre zu schaffen, um darüber berichten zu können, was mit ihm passiert ist. Das wird später von jemand anderem nachgeahmt und zeigt uns, wie wichtig es für einen Menschen ist, in der Wahrheit zu sein.

Ich wünsche uns allen einige dieser privilegierten Momente…

Herzliche Grüße sowie eine gesegnete heilige Woche.

Caroline